Vom Opernsänger über Hotelbesitzer zum Verhandlungstrainer
Zugegeben, viele Jahre verband ich Suhr einzig mit dem Pfister-Center und einer stark frequentierten Kreuzung im Zentrum. Als ich dann vor neun Jahren an den Rand von Suhr zog, verguckte ich mich zwar in die Bachstrasse, aber wäre ich jemals auf die Idee gekommen, beispielsweise mal Halt zu machen beim ›Alten Konsum‹? Dieses Jahr soll das Jahr werden, in dem ich Suhr und vor allem seine Menschen besser kennenlerne.
Mit Hans-Ueli hatte ich meine erste Begegnung. Er hatte sich über die öffentliche Ausschreibung gemeldet: Er sei 1939 geboren und wohne mit seiner Frau seit zehn Jahren in einer Wohnung in der Zopfmatte Genossenschaftssiedlung. Für ein kurzes Kennenlernen ging ich bei ihm vorbei. Wir fanden uns sympathisch und machten ein längeres Treffen aus. Als Vorbereitung stellte ich Hans-Ueli eine kleine Hausaufgabe. Er solle sich drei Antworten überlegen zur Frage: ›Welche Erinnerung aus deinem Leben willst du nicht vergessen?‹

Welche drei Erinnerungen das sind und was Hans-Ueli zu diesen zu erzählen hatte, folgt jetzt:
Erinnerung 1 (aus dem Jahr 1968)
Als Erstes hatte sich Hans-Ueli notiert: ›Mit 28 erreichte ich mein Ziel mit der ersten Rolle auf der professionellen Opernbühne am Theater in Kiel.‹
Ich fragte ihn, wie es dazu kam, und er antwortete:
»Bereits im Schulunterricht (in Zürich) war ich mit meiner Stimme aufgefallen. Teilweise sang ich in Tonlagen, die andere nicht singen konnten. Ein Schulkamerad nahm Unterricht bei einer Musiklehrerin und überredete mich, mitzukommen. Die Lehrerin sagte, ich hätte Potenzial, und ich dachte, na gut, wenn sie das sagt, wird es stimmen.
Als ich das Abitur abschloss, meinten meine Eltern als Antwort auf meine berufliche Unschlüssigkeit, ich solle was Seriöses lernen. Ich machte das Primarlehrerpatent, ging anschliessend zur Uni für mein Diplom als Sekundarlehrer. Nach wie vor nahm ich Gesangsunterricht, und irgendwann sagte meine Lehrerin, nun könne sie mir nichts mehr beibringen, ich müsse an eine Musikhochschule.«
»Was hat das ausgelöst bei dir?«, fragte ich.
»Ich dachte, dass es genau das war, was ich wollte. Mit grossen Ambitionen landete ich mit 26 an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg für die Ausbildung zum Opernsänger. Mich reizte die Mischung aus Gesang und Schauspiel. Ich bewunderte die Opern von Mozart wie ›Don Giovanni‹ mit der komischen Figur des Dieners Leporello. Mein Zimmer war in einem Studentenwohnheim, wo jeden Samstag zahlreiche Kronkorken fielen, ausser wir hatten am Sonntag ein Kirchenkonzert zu geben. Es war eine lustige Zeit, wir hatten nur wenige Verpflichtungen.
Ein Schlüsselerlebnis war, als unser damaliger Regisseur mir eröffnete, ich sollte jetzt den Don Pasquale spielen. Meine erste Opernrolle vor Publikum. Und dann kamen eines Tages Leute vorbei, von denen jemand zu mir sagte: ›Ich bin vom Theater in Kiel, Sie sind engagiert.‹
Ich dachte, das ist ja verrückt, das geht jetzt aber erstaunlich schnell.«
»Wie hast du deine Fähigkeiten damals eingeschätzt?«
»Ich war ein Anfänger, aber hielt mich für halbwegs talentiert und dachte, mit viel Übung würde ich es auf eine grosse Bühne schaffen. Ich schätze, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gross darüber nachgedacht habe ich selten. Das eine ergab das andere, es machte mir Freude, obwohl mir die erste Rolle in Kiel nur wenig zusagte: Bei ›Rosenkavalier‹ erhielt ich die Nebenrolle des Notars; der redete so ergebungsvoll daher. Ich war sehr nervös, denn ich hatte diese Rolle von jemandem übernehmen müssen und hatte wenig Gelegenheit gehabt, auf der Bühne zu proben. Doch alles kam gut. Ich lebte mich in Kiel ein, wohnte jeweils für ein Jahr mit einem Theaterkollegen zusammen. Aber die Szene war schnelllebig und undurchsichtig, so wurde ich schliesslich zum Intendanten bestellt, der mir sagte, dass sie meinen Vertrag leider nicht verlängern könnten. Es gebe da verschiedene Gründe, konkreter wurde er nicht. Damit war meine Theaterkarriere in Kiel nach zwei Jahren beendet.«

Erinnerung 2 (aus dem Jahr 1970)
Als weitere Erinnerung hatte sich Hans-Ueli notiert: ›Wie ich nach Ende meines Engagements in Kiel auf das Meer hinausblicke. Grosse Ratlosigkeit. Beschluss, dass ich in die Schweiz zurückkehre.‹
»Hast du mit diesem Beschluss deinen Traum zurückgelassen?«, fragte ich.
»Teilweise, denn eine Weile trat ich in Deutschland noch als Basssolist mit verschiedenen Profichören auf. Ich hatte zu einigen Dirigenten einen guten Draht. Aber auf Dauer nervte mich das Korsett der engmaschigen Proben, zudem schätzte ich die Chancen als gering ein, ein Engagement in einem anderen Theater zu bekommen. Ich hörte von Kollegen, wie sehr um Rollen gekämpft wurde. Mit den Auftritten in Kiel hatte ich mein Ziel erreicht, und im Alter von 30 war der Zeitpunkt da, einen Neuanfang in der Schweiz zu wagen, auch wenn ich zunächst ratlos war, was ich als Nächstes tun sollte. Schliesslich nahm ich eine Stelle in der Geschäftsleitung beim SSR an, dem Schweizerischen Studentenreisedienst, wo ich einige Jahre arbeitete. Diese Phase war vergleichsweise ruhig, ebenso die folgenden Jahre als Marketingleiter bei einer Sprachschulorganisation, wobei sich zu dieser Zeit plötzlich eine spannende Gelegenheit ergab:
Der SSR hatte Verbindungen zu verschiedenen Hotels in Griechenland, und bei einem davon stieg der Partner aus. Da ich inzwischen Geld angespart hatte, kaufte ich diesen Anteil von 40 Prozent.
›Aber nur unter der Bedingung, dass ich vor Ort nichts machen muss‹, sagte ich.
Das war schon ein wenig sonderbar, plötzlich Mitinhaber eines Hotels zu sein. Als nach zwei Jahren bei meiner Festanstellung Probleme aufkamen, dachte ich mir, warum eigentlich nicht? Ich könnte doch kündigen und eine Weile in Griechenland leben? Und so arbeitete ich während der warmen Monate jeweils an der Rezeption meines eigenen Hotels und kehrte für die kalten Monate zurück in die Schweiz, wo ich verschiedene Gelegenheitsjobs wahrnahm, unter anderem als Projektleiter für die Organisation der Wald-Demonstration in Bern 1984. Dabei lernte ich meine Frau kennen. Sie begleitete mich zweimal nach Griechenland, aber dann musste ich eine Entscheidung treffen. Schlussendlich verkaufte ich meinen Hotelanteil, um dauerhaft mit meiner Frau in der Schweiz zu leben. Insgesamt hatte ich fünf Sommer in Griechenland verbracht.«
»Wie schwer oder leicht war dir diese Entscheidung gefallen?«
»Ziemlich leicht.«
Erinnerung 3 (aus den Jahren 1987 bis 2004)
Als Drittes stand geschrieben: ›Nach Griechenland schlug ich mich 17 Jahre lang mit verschiedenen Tätigkeiten als Selbstständiger durch.‹
Als ich die Zeile las, fragte ich: »Manche Leute beginnen sich in ihren Vierziger oder Fünfzigern bekanntlich stark zu hinterfragen und suchen nach dem Sinn oder einem neuen Sinn. Wie war das bei dir?«
»Sowas kannte ich nicht, ich war meistens gut beschäftigt und hatte Vertrauen, dass es irgendwie funktionieren wird. Meine Stärke war meine Kommunikationsfreudigkeit, woraus sich viele Kontakte ergaben. Das war wohl mein grösstes Kapital. Kurz bevor mein Bruder 1987 als Theaterdirektor nach Ludwigshafen wechselte, passierte das, was ich heute noch unglaublich finde: Er stellte mich bei der UBS ein paar Personen vor und sagte denen, ich würde jetzt seine Aufgabe übernehmen. Die UBS hatte damals eine Konzertreihe mit klassischer Musik – eine grosse Sache –, und mein Bruder hatte die Projektleitung innegehabt. Diese wurde mir nun einfach so übergeben. Ohne dass der Job jemals ausgeschrieben wurde. Das wäre heute kaum denkbar. Zehn Jahre lang übernahm ich die Organisation, ehe diese Konzerte 1996 schliesslich gestrichen wurden.
Ebenfalls direkt zu Beginn meiner Selbstständigkeit rief mich ein Mann namens Ueli an, der meinte, er wolle mich kennenlernen. Ueli hatte eine Firma, die Verhandlungstrainings anbot. Ich bildete mich ab 1988 weiter zum Moderator und Trainer und kam zu vielen Aufträgen, vor allem auch im Sozialwesen. Aber es kam durchaus vor, dass ich in den Kalender schaute und grosse Lücken sah.«
»Auf deine gesamte Lebensspanne bezogen, gibt es eine Sache, die dich besonders stolz macht?«
»Stolz würde ich es nicht bezeichnen … zufrieden trifft es besser. Manche Leute haben geradlinigere Lebensläufe als ich, aber ich bin froh, dass ich das versucht habe mit der Oper. Ich hatte es gut, auch als ich vor zehn Jahren hier nach Suhr zog. Damals war der Prozess rund um den Zukunftsraum Aarau im Gange. Ich war an mancher Versammlung, wo ich viele Leute und auch den Gemeinderat kennengelernt habe. Das war ein willkommener Einstieg in eine lebendige Gemeinde mit vielen engagierten Leuten. Mittlerweile bin ich leider nicht mehr so mobil, aber das sind Einschränkungen, die ich akzeptieren muss. Ich spielte in der Region auch noch in einigen Theatergruppen mit. Eine Alterskarriere sozusagen, ein bisschen stolz macht mich das schon. Da musste ich im Frühjahr aber einsehen, dass es nicht mehr geht. Wehmut spüre ich kaum, ich hatte das lange genug. Ich merke, dass ich wirklich immer gerne auf Bühnen gestanden bin und das Publikum gespürt habe. Das ist in mir verankert, wie es scheint.«
Ich danke Hans-Ueli vielmals für das Gespräch.
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