Wie wird man ein politischer Mensch?
Heiner Kilchsperger wird durch sein Engagement – unter anderem als früheres aktives Mitglied der Grünen Suhr – einigen ein Begriff sein. Beruflich war er mehrheitlich als Dozent im pädagogischen Bereich tätig, zudem einige Jahre als Schulpflegepräsident. Bei unserem Treffen, bei dem Heiners Frau Sigrid spannende Ergänzungen einbrachte, reizten mich beim Blick auf Heiners Lebenslauf besonders jene Erfahrungen, die seine politische Sicht auf Welt und Gesellschaft beeinflusst haben.

Globale Ereignisse
»Ich kann mich gut erinnern, wie ich als 15-Jähriger 1968 das erste Mal an einer Demo für ein Anliegen mitlief, das mich beschäftigte. Es ging um den Prager Frühling, als die Führung der Tschechoslowakei einen Aufbruch innerhalb des Sozialismus wagte. Durch den Einmarsch der Truppen der Warschauer Pakt-Staaten wurde diese Bewegung jedoch brutal gestoppt und damit auch unsere Hoffnungen auf neue Wege, wie Gesellschaft und Wirtschaft gestaltet werden können. Der Kalte Krieg hatte diese Möglichkeiten reduziert: der kommunistische Osten, der kapitalistische Westen. Beides hatte mich nicht mehr überzeugt. Als ich an diesem Tag das erste Mal politisch Stellung bezog und in der Menge mitlief, spürte ich, wie gross die Kraft des gemeinsamen Handelns ist. Das Ereignis war der Ursprung für mein Interesse an der weiten Welt, und an den politischen Themen und deren Gestaltung.
Eine weitere Erfahrung war die Ölkrise 1973, als wir an den autofreien Sonntagen über die Autobahn radelten und spazierten. Die A3 (damals hiess sie noch N3) war wenige Jahre zuvor gebaut worden, unter anderem durch den Zimmerberg-Wald, in dem ich als Kind viel unterwegs war. Dass dort – in einem für mich wichtigen Lebensraum – plötzlich eine grosse Strasse durchführte, erlebte ich als grossen Einschnitt und Verlust. Die Ölkrise war für mich eine frühe Warnung, und es erschreckt mich, wie abhängig wir auch fünfzig Jahre später noch von diesem Rohstoff sind.«
Blick von aussen auf die Schweiz
»Anfang zwanzig veränderte und weitete sich mein Blick auf die Schweiz. Das war im Studium während meines Auslandsjahres in Holland 1976/77. Dabei spielten folgende zwei Punkte eine zentrale Rolle: Zum einen überfielen just in diesem Jahr junge, molukkische Aktivisten einen Zug und eine Schule und nahmen zahlreiche Geiseln, darunter auch Kinder. Der Hintergrund war die holländische Kolonialgeschichte: Die Molukker hatten als Bewohner einer Inselgruppe in Indonesien den Holländern geholfen, Aufstände der Indonesier zu bekämpfen. Als sich Holland nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzog und Indonesien unabhängig wurde, bekamen die Molukker Probleme. Holland bot Hilfe an und nahm sie zu Tausenden auf, vernachlässigte jedoch über die folgenden Jahrzehnte das Versprechen, sie in die holländische Gesellschaft zu integrieren. So entstand die Radikalisierung. Da ich hautnah am Geschehen war, interessierte ich mich zunehmend für die weltweiten, kolonialen Verbindungen und bekam mit, wie auch die Schweiz davon profitiert hat.
Zum anderen hat mich beeindruckt, dass in Holland der Zweite Weltkrieg und der Faschismus ganz anders wahrgenommen wurden. Schicksale wie das der Anne Frank waren präsent. Die Auseinandersetzung mit Widerstand gegen faschistische Strömungen, aber auch Kollaboration im eigenen Land erlebte ich in Holland als vehementer als in meiner Heimat. So bekam ich von meinen Mitstudierenden den Ratschlag, eher Mundart als Hochdeutsch zu reden, um nicht immer noch bestehende antideutsche Ressentiments zu wecken. Bezogen auf die Schweiz war mir in meiner Jugend eher das Bild vermittelt worden, dass die Schweiz allein durch ihre Widerstandsfähigkeit fast unbefleckt davongekommen sei. Inzwischen weiss man, dass das nur die halbe Wahrheit ist.
Ein Glücksfall war zudem, dass ich im Studentenheim einen Mitbewohner kennenlernte, der regelmässig Bergtouren in der Schweiz unternahm. Mein Interesse war geweckt. Zurück in der Schweiz machte ich Hochtouren- und Kletterkurse, und so stand ich 1985 das erste Mal im Göscheneralptal, sah den Chelen-Gletscher und staunte ab dem ewigen Eis, von dem ich damals tatsächlich dachte, es wäre ewig. Das letzte Mal war ich 2021 dort, der Rückzug des Gletschers ist enorm. Die Klimaerwärmung wird direkt sicht- und greifbar: Touren sind deutlich schwieriger geworden. Früher konntest du vom Eis direkt in den Fels einsteigen, heute stehst du weiter unten vor glattgeschliffenem Stein. Der holländische Freund hat mich in die Schweizer Berge geschickt und ungewollt mit einem zentralen Problem der Gegenwart konfrontiert.«
Politische Hürden
»Schon früh lernte ich von meiner Familie – vor allem von meinen Eltern –, dass ich zu meiner eigenen Meinung stehen darf. Am Familientisch hatten Diskussionen Platz zu Einschätzungen, die ich aus der Schule oder aus der Jugendgruppe mitbrachte. Meine Zeit als Leiter in der Jungschi trug sicherlich auch dazu bei. In diesem Kreis haben wir beispielsweise viel über Vietnam diskutiert, und nicht alle vertraten dieselben Ansichten. Dass die eigene Meinung auch zu einer öffentlichen Exponierung meiner Person führen kann, erlebte ich schliesslich als Dreissigjähriger das erste Mal. Ich stand kurz vor dem Antritt einer neuen Stelle bei der reformierten Kantonalkirche, was mich von Zürich nach Aarau führen sollte. Ich erinnere mich, dass ich mich in einem Leserbrief kritisch zur schweizerischen Armeeseelsorge geäussert hatte, wie sie an einem Stand beim Deutschen Evangelischen Kirchentag dargestellt worden war. Eine rechtskonservative Vereinigung hinterfragte daraufhin in ihrem Mitteilungsblatt, wie solch linke Personen in ein kirchliches Amt hatten gewählt werden können. Das trieb mich um. Ich fragte mich, was mich hier erwartete, und ob ich im Aargau genügend Freiräume für eigenständiges Handeln finden würde.
Nach einigen Jahren fing Sigrid bei der reformierten Kirche eine neue Stelle an. So lernten wir uns kennen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verband uns, aber nicht unbedingt die Politik. Zwar war Sigrid in dieser Hinsicht auf meiner Wellenlänge, war aber vielmehr damit beschäftigt, die Wogen in ihrer Familie zu glätten, die auf meine politische Einstellung gar nicht begeistert reagierten. Verhärtete Fronten, die fast zum Kontaktabbruch mit ihrer Familie führten. Heutzutage ist kaum mehr vorstellbar, dass sich wegen politischer Differenzen solch tiefe Gräben auftun. Natürlich wird intensiv diskutiert, aber vor allem in meiner aktivsten Zeit nach der Jahrtausendwende fühlte ich mich nie gemobbt oder ausgeschlossen. Wichtig war, dass ich nicht als Einzelperson agierte, sondern in der Gruppe von Mitengagierten. Sonst brennst du aus, wirst dogmatisch und stur. Wir begannen zu dritt, der Kreis an Mitdiskutierenden und Mitarbeitenden erweiterte sich schnell. Begonnen hatte es mit Anträgen an der Gemeindeversammlung, beispielsweise zu strukturellen Anpassungen von Stromtarifen. Da bekam ich den grossen Druck zu spüren. Hin und wieder lag ich nachts schlaflos im Bett. Danach war es aber meine Aufgabe, weitere Leute zu suchen und zu fragen, was sie von dieser Sache halten. Auch von Personen mit spezifischem Fachwissen.
Vor allem die Mitarbeit am Aufbau des Bündnisses Zukunft Suhr hat mir viel Freude bereitet. Heutzutage bin ich nur noch punktuell aktiv und blicke mit Befriedigung auf die Momente zurück, in denen wir neue Ideen initiieren, neue Themen in die Gemeindepolitik einbringen und Räume für offene Auseinandersetzung schaffen konnten.«
Halt durch die Familie
»Die Familie war ein Grundpfeiler meiner persönlichen Entwicklung. In meiner Teenagerzeit hatte meine Mutter einen Roman von Pearl S. Buck gelesen, in dem es um Kinder in Korea ging, deren Väter als amerikanische Soldaten dienten, die ihre Verantwortung als Väter aber nicht wahrnahmen. Aus Interesse stellten meine Eltern Nachforschungen an und adoptierten schliesslich eine vierjährige Waise aus Korea. Sie sprach kein Wort Deutsch, somit konnten wir anderen Geschwister uns anfangs kaum mit ihr verständigen. Ich stellte mir dann die Frage, was im Alltag für sie, was für uns ›normal‹ war. Das Mädchen – sie war ja nun meine Schwester – hatte kaum was mitgenommen in die Schweiz und schlief die ersten Tage auf einer Matte auf dem Boden, da sie ein Bett nicht gewohnt war. Da merkte ich, wie stark das Umfeld einen beeinflusst.
Als ich Ende dreissig war, brachte eine dreijährige Zeitspanne in familiärer Hinsicht grosse Veränderungen mit sich. Wenige Wochen vor der Geburt unseres ersten Kindes verstarb mein Vater plötzlich. Der Kreislauf des Lebens geschah direkt vor unseren Augen: Altes Leben geht, neues entsteht. Das Leben ist unverfügbar. Wir sind getragen und geprägt von Menschen um uns herum und gleichzeitig eigenständig und verantwortlich. Ein Jahr später zogen wir nach Suhr, und just am Tag danach verstarb meine Mutter nach langer chronischer Krankheit. Das zweite Kind folgte innerhalb des nächsten Jahres. So schnell ging das vonstatten, dass ich in der Generationenfolge meiner Familie zuvorderst stand. Nun hatte ich die Verantwortung. Meine Perspektive auf die Welt veränderte sich, vor allem im Hinblick darauf, was wir unseren Kindern hinterlassen werden. Regelmässig war ich mit meinen Kindern in den Bergen unterwegs, bemerkte ihren unbeschwerten Blick auf die Natur: Vielleicht war’s ein kleiner Bach, wo sie mit Steinen das Wasser stauen konnten. Oder eine Blumenwiese.
Mittlerweile sind wir Grosseltern, und der Gedanke, dass wenn die Enkel so alt sein werden wie wir, sie eine Schweiz ohne Gletscher erleben werden, ist beunruhigend. Manche sagen, man sollte heutzutage keine Kinder mehr bekommen. Das sehe ich anders. Wir müssen sicherstellen, dass wir eine lebenswerte Welt für die kommenden Generationen schaffen.«
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Ich danke Heiner und Sigrid vielmals für das Gespräch.