Februar 2026, Rapperswil (Schweiz)

»Silke, welche Erfahrung verbindet euch beide?«

Vor einigen Monaten erzählte Silke mir, dass eine Erinnerung, die sie nicht vergessen will, die letzten Stunden mit ihrer Mutter seien. Ihre Beziehung zueinander war eng gewesen, die letzten Momente ebenso, und als es vorbei war, wusste sie nicht, wie sie die Trauer überstehen sollte. Aber schon wenige Wochen später hatte sie einen Lichtblick: Sie erhielt Gewissheit, dass sie schwanger war.

Leider kam alles anders und sie brachte ein Sternenkind zur Welt. Silke sagte mir, sie hatte das Bedürfnis, in ein Auto zu steigen und weit weg von ihrer vertrauten Umgebung in Österreich zu wollen. Eine Zeitlang weg von allem.

Sie kannte einige Leute in der Schweiz und einer dieser Bekannten meinte, Silke könnte vielleicht eine Weile bei seiner Nachbarin namens Anita leben, denn Anita hätte ein Zimmer frei, das könnte vielleicht passen. Silke hatte Anita früher nur zweimal kurz im Hausflur angetroffen, sie hatten kaum miteinander gesprochen. Und so kam es, dass Silke bei einer 30 Jahre älteren Frau einzog, die sie kaum kannte. Ein Glücksfall, wie sie mir sagte, denn die beiden wurden innert kurzer Zeit wie Mutter und Tochter füreinander. Ein Jahr lang lebte Silke bei Anita, ehe sie nach Österreich zurückkehrte.

Als Silke mir das am Telefon erzählte, hatte ich die Idee, sie in Anitas Wohnung zu fotografieren. So lernte ich schliesslich auch Anita kennen.

Anita lebte zum Zeitpunkt von Silkes Einzug seit zwei Jahren allein. Ihr Mann war an Demenz erkrankt und lebte im Altersheim. Manchmal stand Anita auf dem Balkon, blickte auf den See hinaus und dachte sich, sie möchte einfach so hinausschwimmen, irgendwohin, ohne umzukehren. Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, das Zimmer, das seit zwei Jahren unbenutzt war, zu vermieten. Nun lernten sich die beiden Frauen in einer Phase kennen, in der sie ihre eigenen Verluste zu verarbeiten hatten. Zwei Menschen, die stundenlang reden konnten, da sie etwas gemeinsam hatten: Sie kannten denselben Schmerz.

Diese Fotos, die ich bei meinem Besuch gemacht habe, zeigen den Ort, der Silkes zweites Zuhause geworden ist. Die Zeit, die sie dort verbracht hat, will sie nie vergessen.