Arthur & Marianne

Der Gärtner und die Trommlerin



 

Es wäre Zufall, aber falls Sie schon einmal an der Bachstrasse entlanggegangen sind und samtige Trommelklänge vernommen haben, stammen diese vermutlich von zwei Frauen, die mit ihren Instrumenten auf dem Schoss auf einer kleinen Terrasse sitzend spielen. Vor einem rund 150 Jahre alten Haus mit türkisfarbenen Fensterläden. Neben einem Garten, der wild belassen, aber dennoch im Zaum und auch im Zaun gehalten ist, und der sich hinter dem Gebäude weiter ausdehnt. Versteckt von der Strasse bilden Weissdorn, Pfaffenhütchen, Apfel-, Birnen-, Zwetschgenbäume, ein paar Liegestühle und noch einiges mehr eine grüne Oase.

Durch den Hinweis einer Bürgerin hatte ich Bekanntschaft gemacht mit den beiden Bewohnern des Hauses: Marianne, geb. 1952, die mich bei meinem Besuch herzlich empfängt. Und Arthur, geb. 1949, mit einer scheinbar unerschütterlichen Gelassenheit, von der ich vermute, dass sie ihm in den vergangenen Jahrzehnten viele Male behilflich war.

 

Wie in einer anderen Welt

Beide wuchsen sie in Rheinfelden auf, besuchten dieselbe Schule, aber lernten sich erst kennen, als Arthur 21 war und bei sich im Elternhaus Klarinettenunterricht erteilte. Eines Tages brachte eine seiner Schülerinnen ihre 18-jährige gute Freundin Marianne als Besucherin mit. Die Begegnung hinterliess bei Arthur einen solchen Eindruck, dass Marianne Tage später ein Kärtchen im Briefkasten vorfand. Ab dann verbanden sich zwei Lebensläufe, 1972 Verlobung, 1974 Heirat, worauf sie nach Oberentfelden in einen Wohnblock zogen. Kurz vor Weihnachten 1975 kam die gemeinsame Tochter zur Welt, wobei sich Arthur erinnert, wie er an Heiligabend seine Liebsten im Zofinger Spital besuchte, anschliessend im Bahnhofbuffet zwei grosse Biere bestellte und sich wie der glücklichste Mensch auf Erden fühlte. Zwischen all den Anwesenden, die an diesem Abend allein waren, vielleicht gar obdachlos.

Bevor sie als Familie in das heutige Haus zogen, konnten sie bereits »für später üben«, wie Marianne es nennt, indem sie in zwei renovationsbedürftigen Häusern in Aarau lebten. Die erste Station war eine Wohnung ohne Kühlschrank und ohne Zentralheizung. Der Kachelofen hatte im Winter Schwierigkeiten, die Eisblumen von den Fenstern zu vertreiben. Nach der Kündigung aufgrund von Eigenbedarf zogen sie mit inzwischen zwei Kindern in ein Abbruchhäuschen im Stritengässli, wo sie wie in einer »vierten« Welt lebten. In die Stube stellten sie einen Gasofen, um nicht zu frieren. Das Dach bestand aus Wellblech, auf das der Regen prasselte und das zeitweise undicht war. Trotz allem hatte es einen grossen Vorteil: Sie konnten sparen für das, was nachher kam.

 

Der Reiz der Bachstrasse

Regelmässig waren sie an der Bachstrasse entlanggeradelt und hatten die Häuser bewundert. Vor allem eines war ihnen aufgefallen, gebaut mit Bruchsteinen, wie es im 19. Jahrhundert noch üblich war. Achthundert Quadratmeter Grundstück mit grossem Garten. Und genau dieses Haus stand 1982 plötzlich zum Verkauf. Sie setzten alle Hebel in Bewegung, dabei gab es andere Bewerber, zahlungskräftigere. Doch schlussendlich bekamen Marianne und Arthur den Zuschlag, worauf die Freude riesig war, aber auch die Gewissheit, dass eine Menge Arbeit auf sie wartete. Mit einem Augenzwinkern meinen sie, sie seien ein wenig verrückt gewesen. So gab es zwei Plumpsklos, die noch lange in Gebrauch waren. Die Küche konnten sie einigermassen benützbar machen, das Waschbecken hinter dem Haus diente als Abwaschtrog. Eine schmale, dunkle Holztreppe, die noch heute besteht, führte in den oberen Stock, wo die Familie die ersten Monate zu viert in einem Zimmer schlief. Direkt daneben wohnte bereits vor dem Einzug ein Studentenpaar, das eine eigene Küche hatte. Die Situation glich der einer Wohngemeinschaft, die noch einige Jahre die Familie bereicherte, jeweils mit wechselnden Mietern.

 

Abenteuerliche Renovationen

Die Hypothek betrug damals stolze siebeneinhalb Prozent. Am Ende des Monats blieb nur wenig übrig. Dann prüften sie die Finanzen und die lange Liste der renovationsbedürftigen Punkte und entschieden, was als Nächstes erneuert werden konnte. Eine verrostete Dachrinne da, einen morschen Balken dort. Den Fussboden, wobei sie die Riemen vom alten Schulhaus übernehmen konnten. Und irgendwann meinte ein Dachdecker, auf dieses Dach würde er keinen Fuss mehr setzen. Das war dann ein Projekt, auf das sie fünf Jahre lang hinsparten.

Eines der ambitioniertesten Vorhaben: Das Heizen durch Kachelofen sollte abgelöst werden. Arthur kannte eine Firma, mit deren Hilfe man als Laie eine Holzzentralheizung selbst bauen konnte. Nach einem Kurs bohrte er Löcher in Decken und Wände, lötete Rohre zusammen, verlegte sie und platzierte zwei grosse Heisswassertanks im Keller. Diese Heizung funktionierte doch eine Weile, erzählt er, zwar mit Pannen, aber immerhin. Schliesslich holte er einen Fachmann, wonach sie auf Gas umstiegen und manche Problemstellen ausbesserten. Marianne schwärmt vom »griechischen« Bad mit Dusche, das Arthur vor 40 Jahren im oberen Stock gefliest hat. Kleine, bunte Mosaikfliesen, die sich verspielt über die Wände verteilen. Ich bin beeindruckt, so hatte Arthur mit seiner Arbeit im grafischen Bereich doch kaum handwerkliche Erfahrung.

 

Das Haus der Musik

Wie es an der Bachstrasse um das Jahr 1982 überhaupt aussah, frage ich mich. Arthur meint, der Bach sei damals ein Kanal gewesen, der erst später naturiert wurde. Per Verordnung galt es, bei Neubauten einen bestimmten Abstand zum Bach einzuhalten.

Marianne und Arthur betonen, wie wichtig es ihnen ist, ihr Zuhause nicht als selbstverständlich zu erachten. Sie erzählen, wie ihre Kinder im Garten Zirkus oder Verstecken spielten und auf Bäume kletterten. Wie Katzen, Laufenten und Hühner zu den Bewohnern zählten. In der Umgebung sei ihr Haus als »privates Musikhaus« bekannt gewesen. Die Tochter spielte Geige, der Sohn Cello, dann Schlagzeug. Arthur spielte Klarinette in einer Band, bekam dort eine Art vierzehnten Monatslohn. Marianne trommelt bis heute, manchmal in beschriebener Szenerie vor dem Haus in Gesellschaft der Perkussionistin Didine Stauffer.

Auf meine Frage, was Zufriedenheit für sie beide ausmacht, antwortet Marianne: »Ich mochte immer, wenn wir Betrieb hatten. Wenn die Familie zusammenkam. Gemeinsam essen, feiern und auch tanzen.«
Arthur meint, an Marianne gewandt: »Und du hast dich immer gefreut, wenn ich dich an einem Freitagabend angerufen habe und sagte, wir würden auswärts essen gehen.«

Es wäre spannend zu erfahren, was dieses Haus in den über hundert Jahren alles erlebt und gesehen hat. Viele Menschen, die kamen und gingen, mit Hoffnungen, Rückschlägen und Freudentränen, und es bleibt zu wünschen, dass die Geschichte noch lange weitergeht. In diesem Sinne danke ich Marianne und Arthur herzlich für den Einblick. Marianne meinte anfänglich: «Einen aussergewöhnlichen Lebenslauf wie etwa Hans-Ueli und seine Karriere als Opernsänger haben wir nicht vorzuweisen.»
Da bin ich mir nicht so sicher. Was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser?

_