Als wir im Garten sassen und er von der Liebe auf den ersten Blick erzählte, dachte ich, dass wir nebst dem Flair für Fotografie mindestens eine Sache gemeinsam haben könnten: Wie wir geprägt durch einen einzelgängerischen Charakterzug unsere Probleme versuchen zu lösen.
»Über die Jahre habe ich mich verändert. Die Krisen haben mich geändert. Ich bin nicht mehr der Fünfzigjährige, der seine Perspektive verloren hatte. Oder der 21-Jährige, der Ende der 60er-Jahre nach jedem Feierabend in die Spielhalle ging, um sich von seiner gescheiterten Verlobung abzulenken. Jedes Mal, wenn ich eintrat, sagte der Kassier, ich wisse ja inzwischen, wo der Flipperkasten steht. Dass mich was beschäftigte, ahnte der Mann vielleicht mehr als meine Eltern zuhause, denen ich Ausreden erzählte, da ich alleine mit der Trennung klarkommen wollte. Meine Art zeigte sich schon damals. Ich war nie wirklich der Kumpeltyp, viele Freunde brauchte ich nicht. Ich war alleine in der Stadt unterwegs, alleine am See … es hat mir nie was ausgemacht.
Ein halbes Jahr später begann alles mit einem Zufall. Über Mittag sassen mein Arbeitskollege und ich an der Theke eines Selbstbedienungsrestaurants. Auf einmal traten drei Frauen ein, stellten sich neben uns und nahmen das Essen entgegen. Warum Monica mir genau auffiel, weiss ich nicht. Sie gefiel mir einfach.
Innerlich traf ich eine Vereinbarung: ›Wenn sie zu dieser Tür hinausgeht und sich umdreht, dann möchte ich wissen, wer das ist.‹
Und tatsächlich hielt sie vor der Schwelle inne, unsere Blicke streiften sich. Mein Arbeitskollege stupste mich an und meinte: ›Sascha aus meiner Abteilung … er kennt sie.‹
Wenig später suchte ich Sascha in seinem Büro auf und bat ihn um einen Gefallen. Er griff zum Hörer und machte mit Monica für den nächsten Tag ein Treffen in einem Café im Hauptbahnhof ab. Mich erwähnte er nicht, ich sollte während des Treffens überraschend hinzustossen. Am nächsten Tag ging ich ins Lokal und sah nur sie am Tisch sitzen. So hatten Monica und ich die ersten Minuten nur für uns. Sascha war auf der Toilette.
Wir hatten nur wenige gemeinsame Interessen, was lange nicht nach einem Problem aussah. Ich spielte im Schachclub, führte mein eigenes Coiffeur-Geschäft. Dazu kamen Einsätze in der Feuerwehr, wobei ich all das Traurige kaum mit nach Hause trug. Nur einmal kam ich wirklich an meine Grenzen: Es war Dezember. Eisregen. Der Alarm kommt: ein Verkehrsunfall. Bevor ich zuhause losfahre, werfe ich einen Blick in das Zimmer meines Sohnes, der mit dem Auto von Monica unterwegs ist. Mein Sohn ist nicht da. Und du glaubst nicht, wozu der Mensch in der Lage ist … wie ich auf die Unfallstelle zufahre und ein kleines, weisses Auto danebenstehen sehe – so eines wie unseres – und wie ich in Sekundenbruchteilen die Details aufsauge, um mich zu vergewissern, dass es doch nicht unser Auto ist.
Einmal sprach ich nach einem Bahnunglück eine Stunde lang mit dem Lokführer, der mir wirklich leidtat. Ihn traf keine Schuld, aber begleiten würde ihn das Ereignis noch lange. Ein andermal bekam ich mit, dass eine Frau von uns gesehen hatte, wie ein Junge auf dem Mofa von einem Zug erfasst worden war. Ich riet ihr: ›Wenn du das verarbeiten willst, musst du mit mir zu diesem Bahnübergang gehen. Sonst schaffst du das nicht.‹
Vor Ort liess ich sie schildern, was sie gesehen hatte. Danach fühlte sie sich leichter.
Selten erzählte ich Monica davon. Letztlich war es ein Job. Dass wir uns so intensiv mit unseren eigenen Interessen beschäftigten, führte irgendwann zu Schwierigkeiten. Da meinte Monica, für sie wirke es so, als würde ich gar nicht richtig wahrnehmen, was sie macht. Recht hatte sie, ich hätte mir mehr Zeit für uns nehmen müssen. Mittlerweile ist das anders. Zusammen führen wir eine Tanzschule, wo ich regelmässig als DJ auflege.
Gerade neulich haben wir diskutiert, was wir tun würden, könnten wir einige Jahrzehnte zurück. Dabei weiss ich nicht, ob ich überhaupt was geändert hätte. Wahrscheinlich würde ich dieselben Fehler nochmals machen, unsere gesamte Erfahrung basiert ja auf ihnen. Interessant ist, dass wir kaum aus den Fehlern anderer lernen, sondern nur aus den eigenen.
Es gibt einen bestimmten Song von Alan Jackson, und immer, wenn ich den höre, denke ich, wie sehr ich dem Text zustimme: …«
The Older I Get (übersetzt):
Je älter ich werde, desto mehr denke ich: Du hast einen Augenblick. Lebe ihn, solange er da ist, denn im Nu ist er weg.
Und je älter ich werde, desto klarer wird es: Es sind die Menschen, die du liebst und die dich reich machen. Nicht das Geld und nicht der Besitz.
Und selbst wenn sie einen Jungbrunnen finden würden, würde ich keinen Tropfen davon trinken, und das ist die Wahrheit. Komisch, wie es sich anfühlt – ich komme gerade erst in meine besten Jahre.


Hier geht’s zur Line Dance-Tanzschule von Heinz und Monica in Buchs ZH:
rainsville-dancers.ch
Danke, Heinz & Monica, für die Zeit bei euch!