April 2026, Romanshorn (Schweiz)

»Thelma, welcher Moment war dein Wendepunkt?«

Als ich Thelma in ihrem Wohnzimmer gegenübersass, meinte sie, beim Erzählen fühle sie sich so, als würde sie vieles von damals noch einmal durchleben.

1953 in Brasilien geboren, lernte sie Mitte zwanzig in England ihren zukünftigen Ehemann Rolf kennen, einen Schweizer. Durch seine Arbeit in einem grossen Technologiekonzern lebte das Paar – und teilweise auch die beiden Söhne – über die Jahrzehnte verteilt in Rio de Janeiro, Quito (Ecuador), Lissabon, São Paulo und heute in Romanshorn am Bodensee. Thelma arbeitete zuerst als Portugiesisch-Lehrerin für Fremdsprachige, zuletzt als Immobilienmaklerin in São Paulo.

Die folgenden Erinnerungen widerspiegeln nur kurze Striche auf der langen Linie des Erlebten. Die Lücken überlasse ich der eigenen Fantasie.

 

Erinnerung 1


»Letztes Jahr war ich einen Monat allein in unserer Wohnung in São Paulo und habe über tausend Fotos durchgeschaut, geküsst und weggeworfen. Ich hatte gemischte Gefühle. Die Wohnung stand in den letzten vier Jahren vielfach verlassen, nur wenn Rolf und ich für ein paar Wochen in Brasilien waren, wohnten wir darin. Es war praktisch, denn wir hatten alle unsere Habseligkeiten vor Ort, das Auto in der Garage. Aber mir wurde bewusst, dass wir die Wohnung räumen müssen. Wir werden immer älter, und ich wollte die Arbeit nicht unseren Söhnen überlassen.

Rund achtzehn Jahre war die Wohnung in São Paulo unser Lebensmittelpunkt gewesen, ehe Rolf und ich in die Schweiz gezogen und geblieben sind, ohne es ursprünglich geplant zu haben. Ich hatte gar noch Briefe von meinem Vater; von seiner Ehe, vom Krieg. Was sollte ich damit? Diese Briefe waren nicht für mich geschrieben, aber direkt nach Vaters Tod hatte ich es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen. So machte ich nun ein kleines Ritual und verbrannte sie.

Letzten Februar, als wir in São Paul die letzten Möbel verkauften, kam eine ältere Frau vorbei, um ein Bett und weitere Gegenstände abzuholen. Sie trug ein schwarz-weisses Kleid und um den Hals eine mehrsträngige, mit roten Steinen besetzte Kette, die mir so gefiel, dass ich ein Kompliment machte.
Die Frau schaute sich weitere Sachen an und sprach mit verschiedenen Leuten. Bevor sie sich verabschiedete, rief sie mich zu sich. Sie nahm die Kette ab, legte sie mir in die Hand und sagte: ›Ich weiss, wie es ist, eine Wohnung aufzulösen. Nun habe ich was von Ihnen, und Sie haben was von mir.‹

Es ist eine Welt in mir drinnen, viele Welten, und ich will sie nicht verlieren. Selbst als ich jung war, habe ich nie Drogen genommen oder mich betrunken. Ich wollte immer Kontrolle über meinen Körper haben. Es sind Erinnerung wie die zwölfstündige Autofahrt zu dritt mit meinen Söhnen von Rio zu meinen Eltern … 1100 Kilometer. Wir haben lauthals gesungen. Eric, der ältere, war in seiner Jugendzeit eher scheu und beschäftigte sich bis ins Detail mit Technik. Alex, der jüngere, war lebhafter, vorwitzig, und einmal, als er erst elf war, sagte er zu mir: ›Mama, Eric ist so clever, der könnte glatt eine Rakete zum Mond bauen. Aber weisst du was? Dafür schafft er es nicht einmal, einem Mädchen den Mond vom Himmel zu singen.‹
Ich war dermassen überrascht ab der Aussage dieses Elfjährigen, dass mir das geblieben ist.

Wenn ich sage, dass mein grösster Wunsch ist, meine kognitiven Kapazitäten nicht zu verlieren, ist es, weil ich mein Leben und das Leben überhaupt liebe und alle meine Erinnerungen schätze. Und solange ich weiss, wer ich bin, habe ich alles, was ich bis heute erlebt habe, lebendig in mir.«

 

Erinnerung 2


»Schon als Kind wollte ich die Welt sehen. Ich wollte mit den Zirkusleuten weg, wenn sie ihr Zelt in unserer Gegend aufgeschlagen hatten. Und wenn ich schon nicht bis zum Mond fliegen konnte, wollte ich immerhin Archäologin werden und nach Ägypten zu den Pyramiden reisen. Wenn ich heute auf meine Erziehung zurückblicke, bin ich erstaunt, wie ich bereits in jungen Jahren so frei werden konnte.

Ich wuchs in einer kleinen, 600 Kilometer von São Paulo entfernten Stadt auf, wo alle sich kannten. Meine Mutter war eine beliebte Lehrerin, mein Vater hatte im zweiten Weltkrieg für Brasilien gedient und in Italien auf Seiten der Alliierten gekämpft. Die Familie meiner Mutter war streng religiös, alles war Sünde und wer einen Gottesdienst ausfallen liess, dem drohte Unglück. So kam es mir als Kind vor.

Mit 14 oder 15 erzählte ich meinem damaligen Klassenlehrer von meinen Träumen. Dass ich immer wieder denselben Traum habe: Ich sah mich auf einer Strasse gehen, auf der linken Seite moderne, gradlinige Gebäude, die mir fremd vorkamen. Rechts von mir die gewohnten alten, schönen Häuser aus meiner Umgebung. Dabei wusste ich nie, ob es mich nach links zieht oder rechts. So ging ich in der Mitte. Ich glaube heute, dass wenn ich dortgeblieben wäre, ich nie eine ganze Thelma geworden wäre. Meine Eltern sprachen viel mit den jungen Leuten, während ich stets ›die Tochter‹ blieb. Ich war nie die Thelma. Irgendwann habe ich mir gesagt, ich möchte weg, ich muss herausfinden, wer ich bin. Ohne Familie und ohne Kirche.

Als ich in den Bus nach São Paulo stieg, war das mein Wendepunkt. Ich wusste, dass eine neue Etappe in meinem Leben anfangen würde, aber was ich nicht wusste, war, wie gewaltig die Veränderungen sein konnten. Die grosse Freiheit, die unbekannte neue Welt, dachte ich. Und so war es auch. Es wurde mir zum ersten Mal klar, dass Freiheit und Ängste zusammengehören und ich da eine Möglichkeit habe, gegen diese Ängste zu kämpfen und damit die eigene Welt grösser zu machen.

Früh morgens kam ich in São Paulo an und ging 20 Minuten lang durch die leeren Strassen, obwohl man sagt, die Stadt schliefe nie. Wochen später bestand ich die Prüfung zur Uni. So mancher fragte, Thelma, hast du schon eine Kirche? Zumindest wollte ich versuchen, wieder in einer zu sein, aber nur, wenn ich mich wohlfühlte. Drei verschiedene baptistische Kirchen ignorierten mich, bis sie erfuhren, welcher baptistischen Familie ich angehöre. Plötzlich war ich willkommen, was mir bestätigte, wie sehr ich es verabscheue, wenn Leute nach ihrem Wohnort oder ihrer Position in einer Firma beurteilt werden. Erfreulicherweise lernte ich über den Chor an der Uni einen jungen Mann kennen, der einer presbyterianischen Kirche angehörte. Er nahm mich mit zur Gemeinschaft, und ich liebte es, es war wie eine grosse Umarmung. Ohne schlechtes Gewissen spielte ich Karneval, begann zu tanzen und ein bisschen zu trinken. Natürlich durfte ich ab dann nicht mehr zu den Baptisten gehören, aber das war in Ordnung.

Noch heute, wenn ich mit Rolf in São Paulo bin, besuchen wir diese Kirche, und manchmal denke ich, wie viel sich in den letzten 50 Jahren in der Stadt geändert hat, aber das Innere der Kirche und die wundervolle Akustik … das ist unverändert geblieben.«

 

Erinnerung 3


»In einer Nacht in London 1977 hatte ich grosse Angst, ich war damals 23 Jahre alt. Nach der Uni in São Paulo hatte ich ein Stipendium für München bekommen, und es war geplant gewesen, dass ich nachher wieder nach Brasilien zurückkehre, um als Sekretärin zu arbeiten. Da mein Englisch eingerostet war, entschied ich, nach München einen Zwischenhalt in einer Sprachschule in London einzulegen für ein halbes Jahr. Tagsüber arbeitete ich als Au-pair, an drei Abenden die Woche hatte ich Englischunterricht. Meine Wohnung lag in North Harrow, eine Suburb von London.

Als Kino-Fan besuchte ich an einem Sonntag ein Indian Filmfestival und nahm die letzte S-Bahn nach Hause. Es war Mitternacht, als ich in North Harrow ausstieg. Im Zug waren einige Leute mitgefahren, aber nun war ich allein auf der Strasse. Meine Wohnung lag sechs Strassen weiter.
Auf einmal hörte ich Schritte hinter mir. Das ist normal, dachte ich. Ich bin da, also kann jemand anders auch da sein. Ich ging schneller, und die Schritte hinter mir wurden es auch. Beunruhigt bog ich in eine Strasse ab, in die ich eigentlich nicht hätte abbiegen müssen. Die Schritte folgten mir. Ich begann zu rennen, mein Herz klopfte, ich musste an Jack the Ripper denken und rannte schneller, wie verrückt. Endlich erreichte ich mein Haus. Ich sah mich um, vom Verfolger war nichts mehr zu sehen. Als ich aber die Schlüssel in die Hand nahm und einen letzten Blick über die Schulter warf, stand auf der anderen Strassenseite ein Mann mit Mantel und guckte rüber zu mir. Schnell ging ich ins Haus.

Am nächsten Tag erzählte ich in der Schule vom Vorfall. Einer von der Gruppe – er war noch nicht so lange dabei – sagte, ich solle glücklich darüber sein. Froh sein. Ich hätte ihm an die Gurgel gehen können, mit grossen Händen. Später entschuldigte er sich, er habe es anders gemeint, wonach wir was trinken gingen. Und dann meinte er, komm, ich fahre dich mit dem Motorrad nach Hause. Nach dem Schreck vom Vortag fand ich das eine schöne Geste. Schnell merkte ich aber, dass er einen ganz anderen Weg fuhr. Die Häuser dünnten sich aus, immer mehr Felder. Ich mit Helm sass direkt hinter ihm. Ich dachte, ah, das ist er, das ist der Mann von gestern, der mich verfolgt hat. Nun will er mir was antun. Dann hielt er plötzlich neben einem Friedhof.

Ich zog den Helm nicht aus. Er wird mit mir kämpfen müssen, mit dem Helm hat er kein leichtes Spiel, sagte ich mir. Dann stellte sich heraus, dass er mir bloss ein Grab zeigen wollte. Von irgendeinem Mann, der in England als erste Person bei einem Zugunglück starb. 1826 oder sowas. Aber wen interessierte das um halb zwölf in der Nacht? Noch immer hatte ich den Helm auf, ich wollte nur noch nach Hause. Diesem Wunsch kam er nach, und es stellte sich also heraus, dass er doch nicht mein Verfolger vom Vortag gewesen war.

So schräg hat das angefangen mit Rolf. Auf einem Friedhof nach einem dummen Spruch, ich solle froh sein, verfolgt zu werden. Nun sind wir seit fast 50 Jahren zusammen. Schon früh sagte Rolf zu mir, dass wenn er in der Schweiz bliebe, seine nächsten Jahrzehnte vorgegeben wären.
›Ich will deine Kultur kennenlernen und mit dir zusammen die Welt sehen‹, sagte er. Und das taten wir.«

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Ich danke Thelma und Rolf herzlich für ihre Gastfreundschaft! Nicht nur für das leckere Essen, sondern auch die Möglichkeit, im Gästezimmer zu übernachten, inklusive Kostprobe von Thelmas (zwei Dutzend!) Gymnastikübungen am nächsten Morgen. Die Fotos sind analoge Schnappschüsse, die spontan während unserer gemeinsamen zwei Tage entstanden sind.

Nach meinem Besuch fragte ich mich, ob uns die Erinnerungen zu dem machen, wer wir sind, und ob wir, sollten wir sie verlieren, uns dann selbst verlieren. Ich vermute, dass je länger jemand lebt, desto wichtiger die Antwort wird.